Spielen mit Sinn

Wagenkarten und Frachtbriefe für einen realistischen Güterverkehr

Bei einer vorbildgerechten Modellbahn verkehren die Züge wie beim Vorbild nach einem Fahrplan, keine Fahrbewegung findet zufällig statt. Frachtbriefe steuern dabei den Güterverkehr, Wagenkarten repräsentieren das Anschriftenfeld und den Zettelkasten der Güterwagen. Basierend auf einem Grundlagenartikel im Model Railroader August 1984.

Wagenkarte

Die Wagenkarte beinhaltet die wichtigsten Anschriften des Vorbildwagens. Im Feld rechts wird eine selbstklebende Klarsichttasche angebracht, die den Frachtbrief aufnimmt. 

Güterwagen sollten daher nicht nach "Lust und Laune" auf der Anlage spazieren gefahren werden. Am Anfang steht immer ein Transportzweck, nach dem der geeignete Güterwagen ausgewählt wird. Hier kann man sogar noch weiter differenzieren: So waren auf bestimmten Strecken meistens auch gewisse Wagenbauarten "typisch". Auf der Lokalbahn Retz-Drosendorf waren das hauptsächlich kurze, gedeckte Güterwagen, aber auch Exoten wie die 4ax-Erzwagen vom Typ ZZ, die für den Abtransport von Graphit verwendet wurden.

Drei Arten von Frachtbriefen: Der Inlandsfrachtbrief, der CIM-Frachtbrief für internationale Transporte und der Dienstgut-Frachtbrief für bahneigene Transportaufgaben.

Die Abbildungen oben zeigen die neuen Frachtbriefe. Sie wurden  den ÖBB-Frachtbriefen der 60er-Jahre angenähert. Natürlich sind sie gegenüber dem Vorbild stark vereinfacht und beinhalten nur jene Punkte, die beim Modellbetrieb nötig sind. Ausgefüllt wurden die Frachtbriefe für Privat- Kunden und die Dienstgut-Frachtbriefe anno 1967 per Hand. Größere Firmen und insbesondere Fabriken hatten Vordrucke, auf denen Firmenname und Versandadresse bereits angegeben waren. Die Empfangsadresse und die zu versendenden Güter wurden per Schreibmaschine eingetragen.

   Zu Beginn wird nun also festgelegt, welche Güter in welchen Mengen transportiert werden sollen. Die Tabelle gibt Aufschluß, was damals auf der Lokalbahn befördert wurde:

 

 

Ausfuhr

Einfuhr

Braunkohle (Langau, bis 1963)

Baumaschinen

Erdäpfel (Kartoffel)

Deputat-Limonade

Gebrannter Kalk

Deputatkohle (PL)

Getreide (Roggen, Hafer)

Dienstgut

Gneis-Bausteine

Düngemittel (BRD)

Granit-Bord-u.Bausteine

Fliesen (IT)

Graphit (bis 1971)

Getreide (Hartweizen RO, Futtermittel DDR, F, NL)

Grubenholz

Hausbrandkohle, Kohlebriketts

Kaolin (Pleißing-Wb., bis 1975)

Kraftstoffe (anfangs in Fässern)

Kies

Landwirtsch. Großgeräte

Lebendvieh

Mähdrescher

Marmorbruch

Milch (Molkerei Langau)

Rundholz

Militärfahrzeuge

Saatkartoffel

Saatgut

Sand

Schmierstoffe

Schnittholz

Stückgut, Speditionsgut 

Strohballen

Zement

Zuckerrüben

Ziegelsteine

 

Zu beachten ist natürlich, daß nicht alle Güter in jedem Bahnhof umgeschlagen wurden. Richtet man sich nach dem vor Ort vorhandenen Bedarf, den saisonalen Gegebenheiten und den Lademöglichkeiten, sorgt das für zusätzliche Glaubwürdigkeit.

Die Menge macht´s

Der Braunkohle-Abbau in Langau sorgte ab 1948 für ein starkes Ansteigen des Frachtaufkommens. Nach dessen Einstellung im Jahr 1964 gab es naturgemäß einen starken Rückgang, trotzdem war das nunmehrige Frachtaufkommen nicht zu vernachlässigen. Es verkehrten werktags (Mo-Sa) meist zwei Güterzugpaare mit bis zu 18 Achsen (die Dienstwagenachsen sind dabei mitzuzählen), typisch waren jedoch 3-5 Güterwagen pro Zug. 

   Für Zeiten mit hohem Transportaufkommen, z.B. der Rübenernte im Herbst finden sich im Fahrplan Trassen für weitere Bedarfsgüterzüge.

   Hauptkunde der Lokalbahn waren in den späten 60ern die Lagerhäuser, wie das folgende Beispiel der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Zissersdorf mit den Filialen Drosendorf und Langau zeigt:

 

Jahr

Waggon á 10 t Fracht

1964/1965

3192

1965/1966

2454

1966/1967

3309

 

Pro Lagerhaus kann man also durchschnittlich von etwa 35t Fracht pro Tag (oder max. 3-4 Wagen) ausgehen. Das Lagerhaus in Weitersfeld mit den (damals) zwei großen Silos dürfte eher noch etwas mehr Transportvolumen benötigt haben.

Jeder Wagenkarte ihr Frachtbrief

Verfügt-Zettel

Nun zum wesentlichen, den Frachtbriefen! Sie haben auf der Vorderseite den eigentlichen Frachtauftrag. Wenn aber bei der betreffenden Ladestelle keinen geeigneter leerer Waagen vom Vortag bereitsteht, wird der Frachtbrief umgedreht und wird so zur Leerwagenanforderung ("Verfügt-Zettel"). 

   Wie wird nun das schwankende Frachtaufkommen (Spitzen zur Erntezeit) nachgestellt: Ganz einfach: Wir würfeln! 

 

Würfelteller

Die Würfel sind gefallen

Und das geht ganz einfach: Für jeden Fahrplantag ("Session") wird vor Spielbeginn gewürfelt (2 beige Würfel). Das zusammengezählte Ergebnis sind die Frachtkarten pro Tag. Es sind somit 2 bis 12 Karten bzw. Wagen möglich. Die gewürfelte Anzahl der Frachtkarten wird dann dem Frachtkartenstapel entnommen und auf die Betriebsstellen verteilt. Wagen von Bahnhöfen außerhalb der Lokalbahn starten aus dem Schattenbahnhof Retz, der auch gleichzeitig die "weite Welt" darstellt. Wie werden aber Transportaufträge gehandhabt, die nur selten stattfinden, also z.B. nur einmal im Monat? Dafür gibt´s ...

Die Sonderwagen

Für die Sonderwagen wird pro Fahrplantag ebenfalls gewürfelt. Die Zahl 1 bedeutet "Heute keine Fracht" - auch das kam beim Vorbild vor! Die gewürfelte Zahl 2 bedeutet "heute kein Sonderwagen, dafür einen Dienstgut-Frachtbrief mitnehmen"- Die gewürfelten Zahlen 3 und 4 bedeuten "1 Sonderwagen", und wer 5 oder 6 würfelt, darf 2 Sonderwagen mitnehmen. Die entsprechende Anzahl an Frachtkarten wird von einem zweiten Stapel entnommen, nämlich dem der Sonderwagen. Dienstgut wird immer im Dienstwagen transportiert.

   Es sind also in Summe ("normale Wagen" plus "Sonderwagen") 2 bis 14 Güterwagen pro Tag möglich. In der schulfreien Zeit (keine Spantenwagen beim planmäßigen Güterzug!) kann diese Anzahl normalerweise von zwei Güterzügen transportiert werden.

Und wie viele Frachtbriefe braucht es nun?

Das läßt sich eigentlich ganz leicht ermitteln: Pro Woche werden durchschnittlich 35 Frachtbriefe "erwürfelt". 1x Würfeln= durchnittlich 3,5 , pro Tag (2 Würfel) also durchschnittlich 7 Frachtbriefe- und pro Woche á 5 Werktage mit Fracht (etwa einmal pro Woche fällt ja keine Fracht an) somit deren 35. Diese Anzahl an Frachtbriefen wird nun vorbereitet. Bei den Sonderwagen ist es ähnlich: wird pro Tag durchschnittlich ein Sonderwagen "gewürfelt", so bedeutet das bei 5 Werktagen in 4 Wochen dann 20 Sonderwagen-Frachtbriefe. 

   Nun gilt es noch, diese Anzahl an Frachten sinnvoll auf die beiden Bahnhöfe im sichtbaren Bereich aufzuteilen, das sieht dann so aus:

 

 

Frachtaufkommen Bahnhof Weitersfeld

Fracht

Ausfuhr

Einfuhr

Kunde

Ladestelle

Gattung

 

 

 

 

 

 

Deputatlimonade

 

  1D

Bahnpersonal

Magazin

Dih

Dienstgut

 

  1D

Bahnhof

Magazin

Dih

Düngemittel

 

2

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Heizöltank

 

 1S

Landw. Genossensch.

Freiladegleis

O, E

Fliesen (Italien)

 

1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

F

Futtermittel

 

1/2S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Getreide

6

1S

Landw. Gen., Rössler, Eder&Co

Lagerhaus

G, Gas

Gneis Bausteine

1S

 

Steinbruch Weitersfeld

Rampe

Olmm

Grubenholz

1/1S

 

Forstbetriebe Fronsburg

Rampe

O, E

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebendvieh

1

 

Josef Rieger

Rampe

G

 

 

 

 

 

 

Saatgut

 

1

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Schmierstoffe

 

1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Schnittholz

2

 

Sägewerk Weilguni

Rampe

Olmm

Strohballen

1

 

Johann Nirnberger

Freiladegleis

G

Stückgut

 

2

Diverse

Magazin

G

 

 

 

 

 

 

Zement in Säcken, Baustoffe

 

1/1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Ziegelsteine

 

1S

Maximilian Moser

Freiladegleis

O, E

Summe

11/2S

7/8S

     D= Transport im Dienstwagen;

S= Sonderwagen, nur 1x pro Monat

 

 

Frachtaufkommen Bahnhof Drosendorf

Fracht

Ausfuhr

Einfuhr

Kunde

Ladestelle

Gattung

Deputatlimonade

 

  1D

Bahnpersonal

Magazin

Dih

Dienstgut

 

  1D

Bahnhof

Magazin

Dih

Düngemittel

 

1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Frühkartoffel

1 

 

Landw.

Genossensch. 

Schüttrampe 

O, E 

Fliesen (Italien)

 

2S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

F

Futtermittel

 

2

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Gebrannter Kalk

1

 

Maria Sigmund

Freiladegleis

K

Getreide

4/1S

1/1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G, Gas

Graphit

1

 

Pryssok & Co. KG

Freiladegleis

ZZ

Grubenholz

1

 

Hoyos'sche Forstverwaltung

Rampe

O, E

Kohlebriketts

 

1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

O, E

Landw. Großger.

 

1S

Landw. Genossensch.

Rampe

Rlmms

Lebendvieh

  1

 

Franz Ebner

Rampe

G

 

 

 

 

 

 

Marmorbruch

1S

 

Steinbruch Hengl

Freiladegleis

O, E

 

 

 

 

 

 

Rundholz

1

 

Hoyos'sche Forstverwaltung

Rampe

Olmm

Saatgut

 

1S

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Maschinenteile

 

 1S

Landw. Genossensch. 

Rampe 

 O,E

(mit Plane)

Strohballen

1

 

Landw. Genossensch.

Freiladegleis

G

Stückgut

 

2

Diverse

Magazin

G

Zement in Säcken

 

1

Landw. Genossensch.

Lagerhaus

G

Summe

11/2S

6/8S

    D= Transport im Dienstwagen;

    S= Sonderwagen, nur 1x pro Monat

 

Anmerkungen:  Die prozentuelle Aufteilung zwischen G- , O/E- und sonstigen Wagen erfolgte anhand einer Auswertung zeitgenössischer Fotos.

   In dieser Aufstellung befinden sich auch zwei "Fantasiewagen":

Die Erzwagen (ZZ) für Graphit verkehrten zwar auf dieser Strecke, allerdings wurde in Zissersdorf (einen Bahnhof vor Drosendorf) verladen. Da ich diesen Wagentyp unbedingt einsetzen wollte, habe ich mir die künstlerische Freiheit genommen, daß auch in Drosendorf Graphit verladen wird (in den frühen 60er-Jahren wurde in Drosendorf tatsächlich Graphit abgebaut!).

   Auch der wöchentliche Klappdeckelwagen für Kalk hat einen ganz einfachen Grund: Es ist dies der Schienenreinigungswagen...

Nun ein Beispiel:

Für den heutigen Tag wurde eine 3 und eine 4 gewürfelt- das ergibt zusammen 7 Wagen. Beim Würfeln für den Sonderwagen wurde eine 3 gewürfelt, das entspricht einem Sonderwagen. Zusammen ergibt das also 8 Güterwaggons plus den Begleitwagen. Weil Drosendorf aber nur 16 Achsen aufnehmen kann, werden zwei Güterzüge gebildet. Um den Verschubaufwand in Grenzen zu halten, sollte jede Ladestelle möglichst nur ein mal am Tag bedient werden. Daher verkehrt der planmäßige Güterzug (RD 64/63) bis Drosendorf und der Bedarfsgüterzug RD 89/88 bis Weitersfeld (Langau ist ja nicht auf der Anlage...)

Diese Frachtbriefe werden nun in Klarsichttaschen der entsprechenden Wagenkarte gesteckt- natürlich muß jeder Güterwagen eine eigene Wagenkarte besitzen. Die Wagen sind nun "beladen", und der Güterzug kann losfahren.  Wird ein Waggon bei einer Ladestelle abgestellt, verbleibt auch die entsprechende Wagenkarte vor Ort. Nach etwa "einem Tag" (bzw. bei der nächsten Session) wird der Frachtbrief entnommen- der Wagen ist nun "entladen" und kann mit dem nächsten Güterzug nach Retz zurückgebracht werden, sofern er nicht für einen neuen Frachtauftrag beladen wird. 

Wenn alle Güter (bzw. alle Frachtbriefe) zu ihren Bestimmungsbahnhöfen transportiert wurden, werden die Frachtbriefe wieder eingesammelt und neu gemischt. Das wird durchschnittlich nach 7 Fahrplantagen, also einer Woche, der Fall sein. Bei den Sonderwagen wird man durchschnittlich nach einem Monat "durch" sein. Das Spiel kann nun von Neuem losgehen.

Viel Spaß!