Spielregeln- die V3 für die Modellbahn

Der Betrieb anno 1967

Wie läuft der Betrieb auf so einer vorbildorientierten Modellbahn? Nach welchen Regeln wird gespielt? Ist Fahrplanbetrieb nicht furchtbar langweilig? Und warum fahren wir nicht lieber im Kreis, wär das nicht einfacher?

Nun, das kann schon sein- aber "einfacher" bedeutet in diesem Fall auch "furchtbar langweilig"! Dessen sollte man sich bewußt sein. Aber woher kommt sie eigentlich, diese Unsitte des Kreisfahrens?

   Der Anfang liegt in den Kindertagen unseres Hobbys. Als die Firma Märklin statt eines Uhrwerkantriebes zum Aufziehen erstmals einen elektrischen Antrieb einbaute, wollte man das dem Kunden natürlich möglichst eindrucksvoll präsentieren. Also zog eine Lokomotive mit ein paar Waggons unermüdlich ihre Runden- auf einem Schienenkreis! Und unzählige Kinder drückten sich die Nase an den Auslagenscheiben platt...

   Auch das Gleismaterial wollte an den Mann gebracht werden! Und wie bringt man möglichst viele Schienenstücke auf einer rechteckigen Holzplatte unter? Richtig- ein Schienenoval, am "besten" gleich noch mit einem Parallelgleis. Der Irrtum war einzementiert- die Gleispalhefte aus den Siebzigern geben davon Zeugnis. Auch die "Fachpresse" sprang begeistert auf diesen Zug auf. Seit einiger Zeit haben zumindest die renommierten Zeitschriften diesen Irrweg erkannt. Leider führte der Weg daraufhin in die nächste Sackgasse: Mit Dioramen und Modulen kann man zuhause (meistens) auch keinen richtigen Betrieb machen. Zumindest in den Vereinigten Staaten weiß man seit jeher, wie eine betriebsorientierte Modellbahn gebaut und betrieben wird...

Doch wie läuft nun so ein Fahrplantag ab, und was ist zu beachten? Zunächst einmal: der Wochentag- aber nicht der reale! Ein kleiner Kalender zum Umblättern (Mo-So) bestimmt den Wochentag auf der Anlage. Anhand dieses Tages sind nun gemäß Fahrplan die Züge zu führen. Sie sind bereits am "Vortag" (nach der letzten Betriebssession) in Retz (Zugspeicher) aufgestellt worden und können nun abgerufen werden.

Personenzüge

Der erste Zug des Tages ist immer ein Personenzug. Grundsätzlich wird mit den Dieseltriebwagen der Reihe 5042 gefahren- ist jedoch einer untauglich, ist dies mit einer roten Karte ersichtlich. In diesem Fall steht ein Dieseltriebwagen der Reihe 5145 bereit. Sind alle Triebwagen untauglich, werden Triebwagenersatzzüge gefahren: Eine Dampflok der Reihe 77 mit zwei oder drei Spantenwagen.

   Der Personenzug zu Mittag (RD 31) bringt immer den Postwagen nach Drosendorf und stellt ihn zwischen Magazin und Aufnahmsgebäude ab. Der letzte Personenzug des Tages (RD 38) nimmt den Postwagen wieder mit nach Retz. Es muß somit auch mit den Personenzügen (obwohl es Triebwagen sind!) verschoben (rangiert) werden!

   Eine Ausnahme bildet der Personenzug (RD 31) Samstag mittags: Aufgrund seiner Länge (5 Spantenwagen) ist er immer mit einer Dampflok der Reihe 77 bespannt. auch der Postwagen ist samstags anders zu behandeln: Nach dem Ausladen wird er gleich wieder eingereiht und läuft mit der Rückleistung (RD 32)  zurück nach Retz.

Güterzüge

Bei den Güterzügen ("Kistn") gibt es drei Möglichkeiten:

  • Sind an diesem Tag nicht mehr als insgesamt 18 Achsen zu transportieren (z.B. Dienstwagen + 8 2ax-Waggons) wird nur der planmäßige Güterzug (RD 63/ RD 64) gefahren. Jedoch ist zu berücksichtigen, daß die vom Vortag abzuholenden Waggons aus Drosendorf und Weitersfeld zusammen, plus dem Dienstwagen, nicht mehr als 18 Achsen zählen dürfen ("Lastansage"!) . Drosendorf kann nur 16 Achsen aufnehmen. Sollten alle Wagen des Güterzuges für Drosendorf bestimmt sein, beträgt die max. Achsenzahl somit 16 statt 18.
  • Bei mehr als 16 bzw. 18 Achsen wird ein zweiter Güterzug gebildet. Bewährt hat sich dabei folgende Vorgangsweise: Dem planmäßigen Güterzug (RD 63/ RD 64) werden die Wagen für Drosendorf beigegeben. In Weitersfeld findet mit diesem Zug somit kein Verschub statt. Die Wagen nach Weiterfeld werden mit dem zweiten Güterzug auf einer Bedarfstrasse (RD 89/ RD 88) nachmittags gefahren. 
  • Sind an diesem Tag mehr als insgesamt 16 Achsen nach Drosendorf zu transportieren, so verkehrt neben dem planmäßigen Güterzug (RD 63/ RD 64) ebenfalls ein Bedarfsgüterzug, diesmal jedoch vormittags, auf einer Trasse bis Drosendorf (RD 61/ RD 60). Die Güterwagen für Drosendorf sind sinnvoll auf die beiden Güterzüge aufzuteilen. 

Die dritte Möglichkeit ist jedoch nur bei tatsächlichem Bedarf anzuwenden. Nachteilig ist dabei nämlich, daß der Bedarfsgüterzug beim Stürzen (Umsetzen) des folgenden Personenzuges ebenfalls noch in Drosendorf ist, und somit auf das Magazingleis ausweichen muß. Zur Vereinfachung wird in diesem Fall der Postwagen tunlichst dem Bedarfsgüterzug mitgegeben.

   Sollte mit zwei Güterzügen nicht das Auslangen gefunden werden, muß ein dritter Güterzug gebildet werden. Das kommt aber äußerst selten vor. Dafür  steht noch eine Bedarfsgüterzug-Trasse bis Drosendorf zur Verfügung (RD 65/ RD 84) sowie eine Trasse bis Weitersfeld (RD 93/ RD 92).

   Der Verschub erfolgt nach den einschlägigen Grundsätzen, die im MIBA-Spezial 59, "Richtig rangieren", Seiten 6-14, nachgelesen werden können.

Motorbahnwagen

Natürlich befuhr auch ein Motorbahnwagen (X614.077) in gewissen Abständen die Strecke. In den 60er-Jahren wurde der Unterhalt der Strecken noch groß geschrieben, Morsche Schwellen wurden durch altbrauchbare ersetzt und andere Arbeiten mehr.

   Der Einfachheit halber verkehrt der Motorbahnwagen immer, wenn nur ein Güterzug gefahren wird (was aber ohnehin nicht oft vorkommt). Es wird dabei die Trasse des Bedarfsgüterzuges RD 61/RD 60 benutzt.

Geschwindigkeiten, Signaltöne

Wie auch auf der Vorbildstrecke beträgt die Höchstgeschwindigkeit (umgerechnet) 60 km/h, innerhalb von Bahnhöfen bzw. beim Verschub max. 30 km/h. Auf den Funkhandreglern entsprechen die 12-Uhr-Position bzw. die 3-Uhr-Position genau diesen Geschwindigkeiten. Lediglich beim nur knapp 50 km/h schnellen Motorbahnwagen entspricht diese Geschwindigkeit dem Endanschlag des Reglers.

   Zu beachten ist, daß der Steigungsabschnitt zwischen Weitersfeld und Drosendorf mit mäßiger Geschwindigkeit befahren wird, da auch beim Vorbild die Dampfloks an diesen Stellen "ordentlich zu tun" hatten. Aus diesem Grund ist es möglichst zu vermeiden, beladene Güterwagen aus Weitersfeld unnötigerweise nach Drosendorf mitzunehmen.

   Fahren Triebfahrzeuge nach längerem Stillstand an, ist ein Achtungssignal (kurzer Pfiff) zu geben. Bei Bahnübergängen sind Warnsignale zu geben.

Zugkreuzungen

Kreuzen zwei Personenzüge, fährt der als erstes eintreffende Zug "auf die Seite", also auf das Verkehrsgleis ("Ausweichgleis"). Die Weichen werden danach auf Gleis 1, also das durchgehende Hauptgleis gestellt. Nach dem Einfahren und Halt des zweiten Zuges fährt dieser als Erster wieder aus. Danach wird die Weiche für den Zug auf dem Verkehrsgleis gestellt, und auch dieser kann ausfahren.

   Bei Kreuzungen von Personenzügen mit Güterzügen verläuft die Sache etwas anders: Da die Strecke (mit Ausnahme von Langau früher) über keine Signale verfügt, hält der Personenzug an der Trapeztafel vor dem Bahnhof. Nun gibt er ein mäßig langes Signal ab. Falls das Hauptgleis für die Zugkreuzung frei ist, erwidert der im Bahnhof wartende Güterzug mit dem Signal "lang-kurz-lang" ("kommen"). Der Personenzug erwidert mit einem kurzen Signal und fährt in den Bahnhof ein. Mit dieser Maßnahme wurde sichergestellt, daß Personenzüge erst nach dem Ende der Verschubarbeiten zum Kreuzen einfuhren. Die Notwendigkeit vor der Trapeztafel zu halten, war im Buchfahrplan vermerkt, oder wurde mit schriftlichem A-Befehl angeordnet. Im Modell wird dieses Prozedere der Einfachheit halber immer, wenn ein Güterzug gekreuzt wird, angewendet.

   Bei Zugkreuzungen oder Überholungen im Schattenbahnhof Nieder Fladnitz werden die Weichen automatisch durch die Züge richtig gestellt. Sollte bei Entgleisungen oder ähnlichen Störfällen in Nieder Fladnitz zurückgeschoben werden müssen, ist immer auf manuelle Weichensteuerung umzuschalten!

Aufstellen der Züge

Immer wenn ein Fahrplantag erledigt ist, wird der Kalender einen Tag weitergeblättert und es werden die Züge für den folgenden Tag aufgestellt. Dazu wird gewürfelt: Zwei beige, ein weißer und ein roter Würfel werden zugleich in ein Würfelteller geworfen.

  • Die zwei weißen Würfel bestimmen die Anzahl der Frachtbriefe (und somit der Güterwagen für den nächsten Tag
  • Der weiße Würfel bestimmt, ob ein, zwei oder kein Sonderwagenfrachtbrief bzw. Güterwagen zu transportieren sind
  • Der rote Würfel bestimmt, welche Triebfahrzeuge am nächsten Tag untauglich sind (anhand einer Untauglichkeitskarte)

Anhand der Frachtbriefe sind geeignete Güterwagen auszuwählen. Neben dem Gattungszeichen muß  auch die Nutzlast ausreichend sein. Die Wagen sind nach den Grundsätzen der Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit auszuwählen, d.h. die Nutzlast des Wagens soll möglichst ausgenützt werden. EUROP-Wagen sollen nicht für Stückguttransporte eingesetzt werden.

   Bei Frachten, die aus dem Ausland auf die Lokalbahn kommen, müssen die Wagen die entsprechende Auslandsfähigkeit aufweisen (RIV oder EUROP bzw. für Frachten aus dem Osten MC oder OPW). Die Wagenkarten geben in leicht leserlicher Form Auskunft über die Eigenschaften der Wagen. Die Frachtbriefe werden nun in die Klarsichttaschen der Wagenkarten gesteckt.

   Entsprechend der Ladestellen werden die Waggons innerhalb des Güterzuges gereiht. Die Auswahl der Zuglok erfolgt ebenfalls nach Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit. Bei kurzen Zügen ist daher vorrangig die Reihe 93 einzusetzen. Werden zwei etwa gleich lange Güterzüge geführt, ist die Reihe 52 auf dem anspruchsvolleren Streckenstück bis Drosendorf einzusetzen. Auch bei Maschinen mit Kabinentender wurde ein Dienstwagen beigegeben (!). Die Nutzlänge auf dem Güterzugaufstellgleis 6 in Retz darf keinesfalls überschritten werden, da sie auf die restliche Anlage abgestimmt ist. 

   Entsprechend der Tauglichkeit der Triebfahrzeuge werden auch die Personenzüge aufgestellt. Die Zugbildung ist den Ergänzungen am Bildfahrplan zu entnehmen.

Wechsel von Triebfahrzeugen

Soll bei einem der drei Funkhandregler das ausgewählte Triebfahrzeug gewechselt werden, ist zunächst zu prüfen, ob betreffende Fahrzeug nicht einem der beiden anderen Regler zugewiesen ist. Sollte das nicht der Fall sein, so ist wie folgt vorzugehen:

  • Mit den vier kleinen Drehreglern die Adresse der Lok eingeben: zweimal "0" und dann die beiden letzten Stellen der angeschriebenen Loknummer. Beispiel: Lok 52.6899 = Adresse 0099.
  • Danach die Taste "DISP" drücken (zum Freigeben der vorher verwendeten Adresse, sonst kann kein anderer Regler auf diese Lok zugreifen!)
  • und mit der Taste "SEL" die Lok übernehmen- fertig!

Sonstiges

Wie beim Vorbild ist die Anzahl der Güterwagen "knapp ausreichend" bemessen. Um die richtige "Durchmischung" der Güterwagenbauarten genau nach Fotovorlagen zu gewährleisten, darf jeder Güterwagen bis zum Aufbrauch aller Frachtbriefe nur einmal verwendet werden! Daher sollen leere Wagen, die in den Bahnhöfen stehen, möglichst gleich wieder beladen werden. Neben der Eignung nach Gattungszeichen und Nutzlast ist noch zu beachten, daß eigene (ÖBB-) Wagen und EUROP-Wagen freizügig verwendet werden dürfen. Fremde RIV- Wagen dürfen nur wieder beladen werden wenn:

  • das Frachtziel im Heimatland des Wagens oder dahinter liegt
  • das Frachtziel auf dem Weg in das Heimatland liegt
  • im Gastland darf auch ein Umweg gefahren werden, wenn damit eine Leerfahrt vermieden wird

Andernfalls sind fremde RIV- Wagen leer mit dem nächsten Güterzug nach Retz abzufahren. 

Fazit

Gratulation! Sie haben bis ans Ende durchgehalten und sind höchst-wahrscheinlich an wirklich vorbildgerechtem Betrieb interessiert!

Dazu eine Anekdote: Neulich habe ich einen eisenbahnkundigen Gast begrüßen dürfen. Ohne vorherige Erklärung haben wir gemeinsam einen kompletten Fahrplanumlauf absolviert. Danach habe ich ihn um seine ehrliche Einschätzung des Betriebsablaufes geben. Er meinte: "Für jedermann ist das sicher nichts, aber es ist Betrieb genau wie beim Vorbild!"

Danke für das Kompliment-genau das war das Ziel!

 

PS: Niemand ist perfekt- falls Sie, werter Leser, einen Fehler ist dieser Zusammenstellung der historischen Betriebsabläufe entdeckt haben, oder einen Verbesserungsvorschlag haben, wäre ich über eine Nachricht dankbar!