Wagenkarten und Frachtbriefe für ein Spielen mit Sinn

Gute Karten für den Güterverkehr

So gut wie jeder Modellbahner möchte auf seiner Anlage Güterverkehr darstellen. Doch wie geht man vor, daß der Betrieb dabei abwechslungsreich, spannend und vorbildnah wird? Die Lösung sind Wagenkarten und Frachtbriefe sowie ein Würfelsystem, das den Güterverkehr "gesteuert zufällig" ablaufen läßt.

"Spielen" und vorbildnaher Betrieb müssen keinen Widerspruch darstellen. Das Wichtigste dabei ist, daß Zugbewegungen immer einen Sinn haben müssen. Auf Modellbahnanlagen kleiner oder mittlere Größe bieten sich daher verschubintensive Bezirksgüterzüge ("Sammler") an. Bei diesen meist eher kurzen Güterzügen werden in den einzelnen Bahnhöfen Wagen an die Ladestellen zugestellt und Wagen vom Vortag abgeholt. Die Zugzusammensetzung ändert sich dabei ständig. Die einzelnen Ladestellen sollen auch eine "Geschichte" erzählen: Welche Güter werden verladen? Welche Wagen werden dafür typischerweise verwendet? Wie stark ist das Frachtaufkommen? Woher kommen die angelieferten Waren bzw. wohin werden sie versandt?

Als Erstes analysiert man daher, welche Waren von der Bahn transportiert werden sollen. Entweder man richtet sich dabei nach einer real existierenden Bahnlinie, oder man betreibt "Prototype Freelancing". Bei dieser Spielart wird eine Vorbildlinie quasi "erfunden" und die Verkehrsbedürfnisse anhand der gedachten Gegebenheiten festgelegt. Vor allem in den Vereinigten Staaten ist diese Möglichkeit sehr populär.

   All jene, die eine reale Vorbildlinie nachbilden, haben natürlich vielfältige Möglichkeiten, Informationen über deren Güterverkehr zu gewinnen. Fotos, Bücher, das Internet, Filme sowie Gespräche mit Zeitzeugen oder Eisenbahnern sind dabei zu nennen. Da sich die Verkehrsströme im Laufe der Jahrzehnte teils drastisch änderten, sollte von Beginn an feststehen, zu welchem Zeitraum der (Modell-) Betrieb stattfinden soll. Die Tabelle links zeigt die transportierten Güter der Lokalbahn Retz-Drosendorf in den 60er-Jahren. Natürlich wurden nicht alle Güter in allen Bahnhöfen umgeschlagen. Richtet man sich nach dem vor Ort vorhandenen Bedarf, den saisonalen Schwankungen und den Lademöglichkeiten, sorgt das für zusätzliche Glaubwürdigkeit. Güter, die aus dem Ausland eingeführt wurden, waren grundsätzlich in Güterwagen der jeweiligen nationalen Bahnverwaltung verladen. Nach diesen Gegebenheiten sollte sich auch der Güterwagenpark der Modellbahnanlage richten.

Die Menge macht´s

Als nächstes wird das quantitative Frachtaufkommen betrachtet. Typisch für Nebenbahnen waren werktags (Mo-Sa) zwei Güterzüge mit 3-5 Güterwagen pro Zug. Für Zeiten mit hohem Transportaufkommen, z.B. der Rübenernte im Herbst finden sich im Fahrplan Trassen für weitere Bedarfsgüterzüge. Hauptkunde der Lokalbahn waren in den späten 60ern die Lagerhäuser, wie das folgende Beispiel der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Zissersdorf mit den Filialen Drosendorf und Langau zeigt:

 

Jahr

Waggon á 10 t Fracht

1964/1965

3192

1965/1966

2454

1966/1967

3309

 

Pro Lagerhaus kann man also durchschnittlich von etwa 35t Fracht pro Tag (oder max. 3-4 Wagen) ausgehen. Das Lagerhaus in Weitersfeld mit den (damals) zwei großen Silos dürfte eher noch etwas mehr Transportvolumen benötigt haben.

Gesteuerter Zufall dank drei Würfel

Damit das Frachtaufkommen auf der Modellbahn Schwankungen wie beim Vorbild unterliegt, kommen drei Würfel ins Spiel. Am Ende jedes Fahrplanumlaufes wird daher das Frachtaufkommen für den nächsten Tag "erwürfelt".

Ein weißer Würfel bestimmt:

  • ob an diesem Werktag überhaupt "neue" Fracht zugestellt wird, oder nur Fracht vom Vortag abgeholt wird (auch das gab es beim Vorbild!)
  • ob Dienstgut (im Dienstwagen) befördert wird
  • und legt die Zahl von seltener beförderten Gütern fest (weiße Frachtbriefe)

Zwei elfenbeinfarbene Würfel bestimmen die Zahl an regelmäßig auftretenden Frachtaufträgen. Die Augenzahl der beiden Würfel zusammengezählt ergibt die Anzahl der elfenbeinfarbenen Frachtbriefe. Es sind mit diesem System also 2-14 Güterwagen pro Tag möglich- oder eben nur der Abtransport be- oder entladener Wagen vom Vortag.

 

Geht man nun davon aus, daß jeder Würfel "durchschnittlich" dem Wert 3,5 anzeigt bedeutet das folgendes:

  •  Die zwei elfenbeinfarbenen Würfel (für die regelmäßigen Frachten) generieren 42 Frachtaufträge (Frachtbriefe) pro Woche                  (2 Würfel á durchschnittlich 3,5 = 7, mal 6 Werktage pro Woche ergibt 42 Frachtbriefe).                                                                             
  • Beim weißen Würfel entspricht der Durchschnittswert von 3,5 einem weißen Frachtbrief. Das sind die für seltenere Frachten- also Beispielsweise einem Wagen, der nur einmal im Monat zugestellt wird. Das bedeutet pro Woche á 6 Werktagen logischerweise 6 derartige Frachtbriefe und im Monat (bzw. 4 Wochen) deren 24.

Und diese Anzahl von Frachtbriefen gilt es nun vorzubereiten: 42 Stück für regelmäßig auftretende Frachten wie Getreide, Stückgut, Grubenholz, Düngemittel etc. Diese Frachtbriefe werden zur leichteren Unterscheidung auf elfenbeinfarbiges Papier ausgedruckt. Von den Frachtbriefen für seltenere Frachten werden 24 Stück ausgedruckt. Für diese verwendet man weißes Papier.

Und so sehen die Frachtbriefe aus:

Drei Arten von Frachtbriefen: Der Inlandsfrachtbrief, der CIM-Frachtbrief für internationale Transporte und der Dienstgut-Frachtbrief für bahneigene Transportaufgaben.

Die Abbildungen oben zeigen die Frachtbriefe. Sie wurden  den ÖBB-Frachtbriefen der 60er-Jahre angenähert. Natürlich sind sie gegenüber dem Vorbild stark vereinfacht und beinhalten nur jene Punkte, die beim Modellbetrieb nötig sind. Ausgefüllt wurden die Frachtbriefe für Privat- Kunden und die Dienstgut-Frachtbriefe anno 1967 per Hand. Größere Firmen und insbesondere Fabriken hatten Vordrucke, auf denen Firmenname und Versandadresse bereits angegeben waren. Die Empfangsadresse und die zu versendenden Güter wurden per Schreibmaschine eingetragen. Von den Dienstgut-Frachtbriefen stellt man 4 Stück her, das entspricht einem pro Woche.

 

Verfügt-Zettel

 

 

 

Manche Frachtbriefe haben auf ihrer Rückseite sogenannte "Verfügt-Zettel". Im Prinzip ist das nichts anderes als eine Leerwagen-Anforderung. Benötigt eine Ladestelle zum Versand von Waren einen leeren Güterwagen, so wird jene Seite mit dem "Verfügt-Zettel" in die Wagenkarte gesteckt. Nun kann der Leerwagen mit dem nächste Güterzug zugestellt werden. Am nächsten Betriebstag ist der Wagen angenommenerweise beladen, und die Karte wird gedreht. Der Frachtbrief ist nun sichtbar und der Wagen kann in den nächsten Güterzug eingereiht werden.

 

Kein Güterwagen ohne Wagenkarte!

Wagenkarte

Für jeden Güterwagen wird nun eine Wagenkarte angefertigt. Die Wagenkarte beinhaltet die wichtigsten Anschriften des Vorbildwagens. Im Feld rechts wird eine selbstklebende Klarsichttasche angebracht, die den Frachtbrief aufnimmt. Auf der Rückseite der Wagenkarte befinden sich Angaben zum Modell sowie ein Foto dessen.

   Natürlich sollte sich die Anzahl und Art der Güterwagen nach dem benötigten Transportraum richten. Die Anzahl der Wagen sollte knapp ausreichend sein- auch beim Vorbild gab es manchmal Wagenengpässe. In unserem Beispiel sollten 50 Güterwagen ausreichend sein. Die prozentuelle Aufteilung zwischen G- , O/E- und sonstigen Wagen erfolgt am Besten anhand einer Auswertung zeitgenössischer Fotos.

Los geht´s!

Zu Beginn jedes Fahrplantages sind die Züge abfahrbereit aufgestellt. Ebenso sind die Frachtbriefe in die Klarsichttaschen der entsprechenden Wagenkarte gesteckt. Die Wagen sind nun "beladen", und der Güterzug kann losfahren. Wird ein Waggon bei einer Ladestelle abgestellt, verbleibt auch die entsprechende Wagenkarte vor Ort. Nach etwa "einem Tag" (bzw. bei der nächsten Session) wird der Frachtbrief entnommen- der Wagen ist nun "entladen" und kann mit dem nächsten Güterzug zum Zugspeicher ("nach Retz") zurückgebracht werden, sofern er nicht für einen neuen Frachtauftrag beladen wird. Wichtig: Wagen "verschwinden" nicht einfach, sondern bleiben während des Betriebes immer auf der Anlage. Ein Lok-oder Wagenaustausch findet immer nur im Zugspeicher ("Schattenbahnhof") statt.

   Am Ende des Fahrplanumlaufes wird nun für den nächsten Tag gewürfelt und die Züge neu aufgestellt. Wenn alle Güter (bzw. alle elfenbeinfarbenen Frachtbriefe) zu ihren Bestimmungsbahnhöfen transportiert wurden, werden die Frachtbriefe wieder eingesammelt und neu gemischt. Das wird durchschnittlich nach 7 Fahrplantagen, also einer Woche, der Fall sein. Sollten am Ende der Woche noch elfenbeinfarbene Frachtbriefe übrig sein (z.B. weil an einem Tag keine Fracht anfiel), so gibt es die Möglichkeit Bedarfstrassen nachts zu nutzen oder auch Sonntags Bedarfsgüterzüge zu führen. Für den umgekehrten Fall, also das gegen Ende der Woche zu wenig Frachtbriefe zur Verfügung stehen, gibt es noch 4 Stück grüne Joker-Frachtbriefe (Militärtransporte). Bei den weißen Frachtbriefen wird man durchschnittlich nach einem Monat "durch" sein. Das Spiel kann nun von Neuem losgehen.

Viel Spaß!